Dinge, die Dich vor etwas schützen, das so nicht mehr existiert

Von Regine Rauin | Wohnpsychologie + Innenarchitektur

 

Es geht nicht ums Aufräumen.

Ich sage das als Innenarchitektin und Wohnpsychologin, die täglich mit Menschen arbeitet, die glauben, ihr Problem sei ein zu voller Kleiderschrank. Oder ein chaotisches Büro. Oder ein Boot, das dringend mal ausgemistet werden müsste.

Es geht nie ums Aufräumen.

Es geht immer darum, was unter dem Aufräumen liegt.

 


Mein Boot. Mein Spiegel.

Ich fahre seit über zehn Jahren eine holländische Success aus den 80ern. Ein Familienboot - gebaut für gemütliche Touren durch die friesischen Gewässer, mit einem Grundriss, der so schlicht wie genial ist.

Ganz hinten: ein kleiner Schlafraum, in dem ich nicht mal aufrecht stehen kann. Dann ein heller, großzügiger Wohnraum mit riesigen Fenstern - man sitzt gefühlt direkt im Wasser. Küche. Toilette. Und ganz vorne, wo früher Schlafplätze waren, heute: Stauraum.

Über allem thront mein Lieblingsort: der Freiluft-Steuerstand. Von dort oben steuere ich. Immer. Ohne Ausnahme.

Das Boot ist aus Stahl. Schlicht. Stabil. Funktional und verlässlich. Akustisch besser gedämmt als die meisten Wohnungen, die ich kenne.

Und es ist - wie jeder Raum, den wir bewohnen - ein präzises Abbild dessen, was in uns vorgeht.



Was ich seit Jahren mit mir herumgeschippert habe

An den Seiten des Bootes gibt es versteckte Staufächer. Klein, praktisch, unauffällig.

Beim letzten Wochenende habe ich sie geöffnet.

Und gefunden:

Neues Laminat - als Reserve für Schadstellen eines Bodens, den ich schon vor Jahren ausgetauscht habe. Reste des aktuellen Bodens - den ich in Kürze sowieso erneuern werde. Ein Belüftungssystem, das auf einer heißen Fahrt nach Berlin bereits versagt hat und seitdem unbenutzt vor sich hin existiert. Holzleisten, Reste, Kleinteile - für Reparaturen, die ich nie gemacht habe und nie machen werde.

Alles davon war irgendwann sinnvoll.

Keines davon ist es noch.

 


Das Nokia-Problem

Kennst Du das?

Du trägst Werkzeug mit Dir, das perfekt war - für ein Gerät, das es nicht mehr gibt.

Du hast Strategien entwickelt, Schutzmechanismen aufgebaut, Verhaltensweisen eingeübt - für Verletzungen, die längst verheilt sind. Für Situationen, die es so nicht mehr gibt

Für eine Version von Dir, die Du schon lange nicht mehr bist.

Und trotzdem liegen die alten Nokia-Werkzeuge noch im Fach.

Nehmen Platz weg. Ziehen Energie ab. Ganz leise, ganz unauffällig - aber stetig.

Das ist kein Vorwurf. Das ist menschlich. Wir entwickeln Schutzsysteme, weil wir sie gebraucht haben. Das Problem ist nicht, dass wir sie hatten.

Das Problem ist, wenn wir vergessen, sie zu überprüfen.



Dein Außen spiegelt immer Dein Innen

Das ist kein spirituelles Konzept. Das ist Wohnpsychologie.

Die Dinge, die wir um uns herum aufbewahren, erzählen eine Geschichte. Nicht über unsere Ordnungsliebe oder unseren Platzmangel - sondern über das, was wir noch nicht loslassen konnten. Was wir noch brauchen könnten. Was wir uns nicht erlauben, zu beenden.

Der Laminatrest ist keine Nachlässigkeit. Er ist ein Satz, den Du noch nicht zu Ende gedacht hast.

 


Der Innensitz, den ich nie benutzt habe

Kleiner Funfact am Ende - und vielleicht der ehrlichste Teil dieser Geschichte:

Ich habe jahrelang einen Innensitz mit Stauraum mitgeführt. Zum Steuern des Bootes von innen.

Ich fahre nie innen.

Nie. Nicht einmal bei Regen. Ich gehöre nach oben, auf den Freiluft-Steuerstand, mit Wind und Weite und diesem Blick auf das Wasser, der mich in den Flow bringt wie nichts sonst.

Aber der Innensitz stand da. Jahr für Jahr. Hat Platz gebraucht. Hat Raum besetzt, der nicht meiner Gewohnheit gehörte - sondern der des Vorbesitzers.

Bis ich ihn rausgeworfen habe.

Und weißt Du was? Ich atme freier. Buchstäblich.



Die Frage, die ich Dir mitgebe

Wo stapeln sich bei Dir die Dinge, die schleichend Energie abziehen?

Nicht die offensichtlichen. Die, die Du weißt.

Die anderen. Die versteckten. Die, die aussehen als wären sie sinnvoll - aber deren Zeit längst abgelaufen ist.

Das Schutzsystem, das Dich früher gerettet hat und Dich heute einengt. Die Gewohnheit eines Vorbesitzers, die Du nie hinterfragt hast. Der Laminatrest für einen Boden, den es nicht mehr gibt.

Dein Außen spiegelt immer Dein Innen.

Die Frage ist nur: Schaust Du hin?


Ich bin Regine Rauin - Innenarchitektin, Wohnpsychologin und Mystic Maveress. Ich lese Räume wie andere Menschen Tarot-Karten lesen - und ich helfe Dir herauszufinden, was Deiner wirklich über Dich erzählt.

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