Wie viel Nähe verträgt ein Zuhause, bevor einer von beiden heimlich in den Geräteschuppen zieht?
Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen
Ich glaube, wir haben beim gemeinsamen Wohnen eine ziemlich merkwürdige Vorstellung entwickelt.
Man verliebt sich.
Man zieht zusammen.
Man freut sich.
Man richtet gemeinsam ein.
Und irgendwann entsteht diese Vorstellung:
Wenn wir uns lieben, wollen wir natürlich möglichst viel Zeit miteinander verbringen.
Klingt logisch.
Ist aber möglicherweise kompletter Unsinn.
Denn Menschen brauchen nicht immer dasselbe.
Und manchmal braucht sogar derselbe Mensch an verschiedenen Tagen etwas völlig anderes.
Ich kenne das von mir selbst ziemlich gut.
Es gibt die Mystique, die sagt:
„Lasst mich alle in Ruhe.“
Ich möchte arbeiten.
Schreiben.
Malen.
Nachdenken.
Mich in irgendeinem Projekt verlieren.
Meine Zeit selbst bestimmen.
Wenn ich gerade beschlossen habe, 20 Blogartikel zu schreiben, möchte ich nicht fünf Minuten später jemanden vor der Tür stehen haben, der fragt:
„Hast Du Lust auf einen Kaffee?“
Nein.
Ich habe Lust auf 20 Blogartikel.
Das ist gerade mein Abenteuer.
Und dann gibt es die andere Mystique.
Die liegt irgendwo in Friesland auf einem Boot und denkt:
„Wo sind eigentlich die Leute?“
Da waren Menschen.
Hunde.
Boote.
Gespräche.
Sternschnuppen.
Ein vorbeifahrendes Partyboot.
Eine Segelschule.
Kajaks.
Menschen, die irgendwohin fuhren.
Menschen, die ankamen.
Menschen, die wieder verschwanden.
Und es war herrlich.
Ich konnte mich jederzeit zurückziehen.
Aber ich konnte genauso jederzeit wieder auftauchen.
Niemand musste einen Termin mit mir vereinbaren.
Niemand musste vorher wissen, ob ich gerade Lust auf Gesellschaft hatte.
Die Begegnung durfte einfach passieren.
Und genau da möchte eine ziemlich interessante Frage gestellt werden:
Wie viel Nähe brauche ich - und wie viel Rückzug?
Nicht theoretisch.
Im Alltag.
Denn „Ich brauche meinen Freiraum“ klingt sehr vernünftig.
Aber was bedeutet das eigentlich?
Eine eigene Wohnung?
Ein eigenes Zimmer?
Eine Tür?
Ein Atelier?
Ein Arbeitszimmer?
Ein Garten?
Eine Stunde am Tag?
Oder einfach die Vereinbarung:
„Wenn ich hier sitze, brauche ich gerade meine Ruhe. Das hat nichts mit Dir zu tun.“
Das kann für eine Beziehung einen gewaltigen Unterschied machen.
Vielleicht braucht ein gemeinsames Zuhause deshalb zwei Arten von Räumen.
Räume für uns.
Die Küche.
Der Esstisch.
Das Sofa.
Die Terrasse.
Der Garten.
Der Ort, an dem man zusammen kocht.
Redet.
Lacht.
Musik hört.
Einen Wein trinkt.
Oder völlig übermüdet nebeneinandersitzt und sich trotzdem gut fühlt.
Und dann:
Räume für mich.
Ein Zimmer.
Eine Werkstatt.
Ein Atelier.
Eine Leseecke.
Ein Schreibtisch.
Ein Sessel.
Irgendwo, wo klar ist:
Hier bin ich gerade allein.
Nicht traurig.
Nicht beleidigt.
Nicht auf dem Weg zur Trennung.
Einfach:
allein.
Vielleicht ist das sogar ein Zeichen von Nähe.
Das klingt zunächst paradox.
Aber vielleicht kann Nähe besser funktionieren, wenn Rückzug erlaubt ist. Wenn ich nicht ständig Angst haben muss, dass mein Wunsch nach Ruhe als Ablehnung verstanden wird, muss ich mich auch nicht davor fürchten.
Dann kann ich sagen:
„Ich gehe jetzt zwei Stunden in mein Zimmer.“
Und der andere weiß:
„Okay.“
Keine Diskussion.
Keine Kränkung.
Kein:
„Was ist denn jetzt schon wieder?“
Einfach:
Raum.
Und das funktioniert natürlich auch andersherum.
Vielleicht bist Du der Mensch, der gerne Gesellschaft hat.
Dein Partner möchte seine Ruhe.
Dann ist das ebenfalls kein Problem.
Wenn das Zuhause beides ermöglicht.
Vielleicht gibt es einen Bereich, in dem immer klar ist:
Hier können wir zusammen sein.
Und einen anderen:
Hier darf jeder verschwinden.
Das kann ein erstaunlich erwachsenes Wohnkonzept sein.
Schwieriger wird es, wenn die Wohnung nur eine dieser beiden Seiten erlaubt.
Wenn alles offen ist.
Wenn jeder jeden hört.
Wenn es keinen Rückzugsort gibt.
Wenn man ständig im selben Raum sitzt.
Wenn Arbeit und Privatleben ineinanderlaufen.
Wenn einer auf dem Sofa telefoniert und der andere versucht zu lesen.
Wenn einer Besuch liebt und der andere schon beim Klingeln innerlich die Fluchtroute plant.
Dann entsteht schnell ein Konflikt, der eigentlich gar keiner zwischen zwei Menschen sein muss.
Vielleicht ist es ein Raumproblem.
Und Raumprobleme fühlen sich erstaunlich schnell wie Beziehungsprobleme an.
Denn ein Raum kann Verhalten erzwingen.
Wenn es keinen Rückzugsort gibt, kann ich mich nicht zurückziehen.
Wenn es keinen gemeinsamen Mittelpunkt gibt, wird gemeinsames Leben schwieriger.
Wenn Besuch nur am Esstisch möglich ist, wird jeder Besuch automatisch zum Essen.
Wenn das Arbeitszimmer mitten im Wohnbereich steht, ist Arbeit ständig sichtbar.
Wenn das Schlafzimmer gleichzeitig Büro, Wäscheplatz und Ablage ist, wird Schlaf plötzlich zur Nebensache.
Wir unterschätzen, wie sehr Räume unsere Möglichkeiten definieren.
Und manchmal ist die Lösung erstaunlich simpel.
Nicht:
„Wir brauchen ein größeres Haus.“
Sondern:
„Wir brauchen klarere Räume.“
Vielleicht braucht einer einen Raum, der wirklich ihm gehört.
Vielleicht braucht die andere Person einen Raum, der wirklich ihr gehört.
Vielleicht braucht das Paar einen Bereich, der ausdrücklich beiden gehört.
Und vielleicht braucht es zusätzlich eine Vereinbarung:
„Wenn die Tür zu ist, ist sie zu.“
Nicht emotional.
Physisch.
Herrlich unkompliziert.
Aber vielleicht geht es noch weiter.
Vielleicht stellst Du irgendwann fest:
Dieses Haus kann unsere Bedürfnisse gar nicht erfüllen.
Nicht weil es schlecht ist.
Nicht weil es hässlich ist.
Nicht weil die Küche alt ist.
Sondern weil die grundlegende Struktur nicht passt.
Vielleicht ist die Lage falsch.
Vielleicht fehlt Nähe zu Menschen.
Vielleicht fehlt Natur.
Vielleicht fehlt Wasser.
Vielleicht fehlt Bewegung.
Vielleicht ist alles zu weit auseinander.
Vielleicht ist alles zu eng.
Vielleicht gibt es einfach keine Möglichkeit, Rückzug und Gemeinschaft so miteinander zu verbinden, wie Ihr es braucht.
Dann ist es durchaus erlaubt, über ein anderes Zuhause nachzudenken.
Aber bitte nicht sofort anfangen, Häuser anzuschauen.
Erst einmal miteinander reden.
Nicht:
„Welche Küche willst Du?“
Sondern:
„Wie möchtest Du eigentlich leben?“
Wie viel Zeit möchtest Du alleine haben?
Wie viel Zeit möchtest Du gemeinsam verbringen?
Wie spontan darf Besuch sein?
Wie wichtig ist Dir Natur?
Wie wichtig ist Dir Stadt?
Wie wichtig ist Dir ein eigener Raum?
Was brauchst Du, um Dich zu Hause zu fühlen?
Was brauchst Du, um Dich nicht eingeengt zu fühlen?
Und:
Was brauchst Du, um Nähe überhaupt genießen zu können?
Das sind Fragen, die man erstaunlich selten stellt, bevor man gemeinsam einen Kredit unterschreibt.
Vielleicht ist das perfekte gemeinsame Zuhause deshalb gar nicht das mit dem größten Wohnzimmer.
Vielleicht ist es das mit den besten Möglichkeiten.
Möglichkeiten für Nähe.
Möglichkeiten für Rückzug.
Möglichkeiten für spontane Begegnung.
Möglichkeiten für Ruhe.
Möglichkeiten, sich zu verlieren.
Und Möglichkeiten, wieder zusammenzufinden.
Vielleicht ist das sogar die schönste Definition eines Zuhauses:
Ein Ort, an dem Du sowohl Du selbst als auch Ihr zusammen sein könnt.
Nicht entweder.
Sondern beides.
Und vielleicht gilt das nicht nur für Paare.
Auch Familien brauchen Rückzug.
Freunde, die zusammenwohnen.
Erwachsene Kinder.
Mehrgenerationenhäuser.
Menschen, die aus praktischen Gründen zusammenleben.
Oder Menschen, die sich lieben und trotzdem nicht jede Minute miteinander verbringen möchten.
Wir müssen nicht alle gleich wohnen.
Wir müssen nur herausfinden, welche Art von Nähe unser Leben tatsächlich braucht.
Und dann gibt es noch die ganz persönliche Frage.
Wenn Du heute mit einem Menschen zusammenleben würdest, den Du liebst:
Wie müsste Dein Zuhause aussehen, damit Du Dich dort nicht selbst verlierst?
Wo würdest Du hingehen, wenn Du niemanden sehen möchtest?
Wo würdest Du hingehen, wenn Du jemanden sehen möchtest?
Wo würdet Ihr gemeinsam sitzen?
Wo würdest Du arbeiten?
Wo würdet Ihr schweigen?
Wo würdet Ihr feiern?
Und wo wäre der Ort, an dem Du sagen kannst:
„Ich brauche jetzt eine Stunde für mich.“
ohne dass daraus eine Krise wird.
Vielleicht beginnt gutes Zusammenleben genau dort.
Nicht bei der gemeinsamen Zahnbürstenablage.
Sondern bei der Erlaubnis:
Du darfst Du sein. Ich darf ich sein.
Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.
Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.
→ WOHNUNGsREADING: Was Dein Zuhause wirklich über Dich erzählt
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