Über die Leere nach der Veränderung - und warum Du sie vielleicht nicht so schnell füllen solltest

Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen

 

Vielleicht hast Du in den letzten Tagen auf etwas gewartet.

Auf die Sonnenfinsternis.

Auf das Portal 8.

Auf diesen einen Moment, nach dem sich irgendetwas anders anfühlen sollte.

Vielleicht hast Du gedacht:

Danach weiß ich mehr.

Danach bin ich klarer.

Danach beginnt etwas Neues.

Und jetzt?

Die Sonnenfinsternis ist vorbei.

Das Portal ist durchschritten.

Du wachst morgens auf.

Und stellst fest:

Der Kaffee schmeckt wie vorher.

Der Kühlschrank ist immer noch leer.

Der Typ hat immer noch nicht geschrieben.

Der Job ist noch derselbe.

Und Deine Wohnung steht da, als wäre überhaupt nichts passiert.

Ähm.

Universum? Wir müssen reden.

 

Das große Danach

Das ist der wirklich spannende Moment.

Vor einem besonderen Ereignis fühlst Du Dich als ob ALLES möglich wäre. Du lädst das bevorstehende Ereignis mit Bedeutung auf - und sehr viel Hoffnung.

Vielleicht wird danach endlich etwas passieren.

Vielleicht fällt eine Entscheidung leichter.

Vielleicht verschwindet eine alte Angst.

Vielleicht taucht plötzlich die Antwort auf, nach der Du schon so lange suchst.

 

Und dann passiert das Ereignis:

Die Sonne verschwindet.

Die Dunkelheit kommt.

Der Himmel verändert sich.

Und irgendwann wird es wieder hell.

Und Du bist immer noch Du.

 

Das kann enttäuschend sein und sich verdammt leer anfühlen.

Und wenn diese Leere nicht das Problem sondern der ANFANG von etwas NEUEM ist?


Wenn plötzlich nichts mehr zu tun ist

Wir Menschen sind erstaunlich schlecht darin, Leere auszuhalten. Wir entfernen etwas - und wollen sofort etwas Neues hinstellen.

Eine Beziehung geht?

Dann brauchen wir Ablenkung.

Ein Projekt ist abgeschlossen?

Dann brauchen wir das nächste.

Ein Schrank ist leer?

„Da könnte doch eigentlich ein schönes Regal hin.“

 

Natürlich könnte es das.

Aber warum eigentlich?

Warum muss jeder freie Platz sofort wieder besetzt werden?

 

Vielleicht, weil Leere uns nervös macht. Solange etwas dort steht, müssen wir nicht darüber nachdenken, warum es dort steht. Solange wir beschäftigt sind, müssen wir nicht spüren, was eigentlich in uns passiert.

Und solange wir die nächste Antwort suchen, müssen wir die eine unangenehme Tatsache nicht akzeptieren:

Vielleicht gibt es gerade noch keine Antwort.

 

Ich sage meinen Kunden oft: Lass die Leere erst einmal in Ruhe

Das klingt erstaunlich unspektakulär. Und genau deshalb funktioniert es. Wenn wir gemeinsam Dinge aus einer Wohnung entfernen, entsteht manchmal plötzlich ein freier Platz.

Eine leere Wand.

Ein leerer Schrank.

Eine Ecke, die vorher selbstverständlich vollgestellt war.

 

Und fast immer kommt irgendwann dieser Satz:

„Da muss jetzt aber wieder etwas hin.“

Nein.

Muss es nicht.

Bleib sitzen.

Schau es Dir an.

Lass die Wand Wand sein.

Lass die Ecke Ecke sein.

Und warte.

Denn manchmal braucht ein Raum ein bisschen Zeit, bevor er Dir zeigen kann, was er eigentlich werden möchte.

Und ich glaube, mit uns ist es ganz ähnlich.

 

Die gefährlichste Versuchung nach einer Veränderung

Sie heißt:

Sofort etwas Neues.

Wir haben etwas losgelassen und fühlen uns plötzlich nackt.

Also suchen wir Ersatz.

Eine neue Idee.

Ein neues Ziel.

Ein neues Möbelstück.

Eine neue Beziehung.

Eine neue Selbstoptimierungsbaustelle.

Hauptsache, dieses seltsame Gefühl verschwindet.

Aber wenn Du eine Leere sofort wieder füllst, wirst Du nie erfahren, was von innen heraus in diesen Raum wollte.

Vielleicht war der freie Platz gar nicht dafür gedacht, wieder so auszusehen wie vorher.

Vielleicht sollte dort etwas völlig anderes entstehen.

Oder vielleicht - und das ist für unsere ständig beschäftigten Gehirne fast unerträglich - sollte dort einfach einmal nichts sein.


Leere ist nicht automatisch ein Mangel

Wir haben gelernt, Leere als etwas Negatives zu betrachten.

Leerer Kühlschrank?

Problem.

Leeres Konto?

Problem.

Leere Wohnung?

Irgendwie unheimlich.

Leerer Kalender?

Da stimmt doch etwas nicht.

 

Dabei kann Leere auch etwas ganz anderes sein:

Eine Möglichkeit.

Ein Raum, in dem noch nichts entschieden wurde. Ein Atemzug zwischen zwei Sätzen.

Der Moment zwischen dem Loslassen und dem nächsten Impuls. Das fühlt sich zunächst gar nicht nach Freiheit - sondern erst einmal nach Ratlosigkeit an.

Nach Langeweile.

Nach Enttäuschung.

Nach:

„Und jetzt?“

Das ist völlig in Ordnung.

Du musst nicht sofort wissen, was jetzt kommt.


Vielleicht hat sich doch etwas verändert

Vielleicht sitzt Du nach der Sonnenfinsternis in Deiner Wohnung und denkst:

Hier ist alles wie vorher.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht hast Du nur noch nicht gelernt, mit neuen Augen auf das Alte zu schauen.

Der Sessel steht noch da.

Aber plötzlich fragst Du Dich:

Warum eigentlich?

Das Bild hängt noch an der Wand. Du denkst darüber nach, warum Du es damals gekauft hast.

Und stellst fest:

Das war einmal mein Leben. Aber es ist nicht mehr meins.

Der Karton steht noch immer im Keller. Seit sieben Jahren. Du hast ihn nie geöffnet. Bis jetzt.

Und plötzlich verstehst Du:

Du hast dort keine Gegenstände aufbewahrt, sondern eine alte Version Deiner selbst. Veränderung beginnt genau so. Nicht mit einem Paukenschlag.

Sondern mit einem leisen:

„Moment mal.“


Die Wohnung merkt es oft vor Dir

Das ist einer der Gründe, warum ich Räume so faszinierend finde. Wir können uns selbst hervorragend Geschichten erzählen. Unsere Wohnung ist da deutlich weniger diplomatisch. Sie zeigt, woran wir festhalten.

Was wir verdrängen.

Was wir längst nicht mehr brauchen.

Und manchmal auch:

Wofür wir noch gar keinen Platz geschaffen haben.

Deshalb ist eine leere Stelle in Deiner Wohnung nicht einfach nur eine leere Stelle.

Sie kann eine Frage sein.

Was darf hier jetzt entstehen?

Aber bitte:

Erlaube Dir, für diese Frage nicht sofort eine Antwort haben zu müssen.


Warte auf den Impuls

Der Unterschied ist subtil. Du kannst einen Raum aus Angst vor der Leere wieder füllen. Oder Du kannst ihn offen lassen, bis etwas auftaucht, das sich richtig anfühlt.

Das eine kommt von außen:

Was wäre jetzt praktisch?

Was sieht gut aus?

Was gehört dahin?

 

Das andere kommt von innen:

„Oh JAAA. Ich habe mir immer schon ... gewünscht.“

Und plötzlich ist es kein Füllen mehr. Es ist eine Entscheidung. Das ist der Moment, den ich am meisten liebe:

Wenn Menschen nicht mehr fragen:

„Was sollte ich tun?“

sondern plötzlich sagen:

„Ich weiß, was ich will.“

Ohne zehn Gründe.

Ohne Excel-Tabelle.

Ohne Abstimmung mit dem Universum.


Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe nach der Dunkelheit

Vielleicht sollte die Sonnenfinsternis gar nichts für Dich verändern. Vielleicht sollte sie nur für einen Moment Deine gewohnte Sicht unterbrechen. Damit Du bemerkst, was Du vorher nicht mehr gesehen hast.

Und vielleicht ist auch das Portal nicht die Tür, durch die plötzlich ein neues Leben hereinkommt. Vielleicht ist es nur der Moment, in dem Du bemerkst:

Die alte Tür steht längst offen.

Du musst Dich nur trauen, hindurchzugehen.


Und wenn jetzt nichts passiert?

Dann lass es.

Wirklich.

Mach nicht sofort ein neues Projekt daraus. Mach nicht aus Deiner Ratlosigkeit die nächste Selbstoptimierungsaufgabe. Du musst nicht am Montag eine komplett neue Version Deiner selbst präsentieren.

Vielleicht reicht es, eine Sache nicht mehr zu tun.

Eine Sache gehen zu lassen.

Eine Schublade leer zu lassen.

Ein Möbelstück nicht zu ersetzen.

Eine Entscheidung noch nicht zu treffen.

Und dann zuzuhören.

Denn manchmal kommt der nächste Schritt nicht als große Erkenntnis.

Er kommt als kleiner Impuls.

Fast unscheinbar.

„Das möchte ich.“

Und genau diesem Satz würde ich mehr vertrauen als hundert großen Versprechen über Transformation.


Vielleicht ist nach der Dunkelheit erst einmal Raum

Vielleicht hat sich nach der Sonnenfinsternis nichts verändert. Vielleicht fühlt sich das Portal schon wieder ziemlich weit weg an. Vielleicht bist Du sogar ein bisschen enttäuscht.

Dann möchte ich Dir etwas sagen:

Du bist nicht zurück auf Anfang.

Vielleicht bist Du nur gerade zwischen zwei Kapiteln. Und vielleicht sieht dieser Zwischenraum von innen zunächst verdammt nach Leere aus. Bleib trotzdem ein bisschen darin.

Füll ihn nicht sofort.

Dekoriere ihn nicht.

Erkläre ihn nicht.

Lass ihn atmen.

 

Denn vielleicht ist genau dort etwas unterwegs, das noch keinen Namen hat. Und vielleicht musst Du gar nicht herausfinden, was es ist. Vielleicht musst Du nur lange genug "den Raum halten", bis es sich zeigt.


✨ Hidden Treasure

Während der Sonnenfinsternis verschwindet das Licht nicht wirklich. Wir können es nur für einen kurzen Moment nicht sehen. Vielleicht ist es mit Veränderung genauso.

Manchmal verschwindet nicht unsere Richtung. Nur unsere alte Vorstellung davon. Und wenn danach erst einmal nichts passiert, wenn sich eine gewisse Leere ausbreitet und Du Dich fragst:

„Und jetzt?“

Dann könnte die Antwort erstaunlich einfach sein:

Warte.

Vielleicht ist diese Leere kein Zeichen dafür, dass etwas fehlt. Vielleicht ist sie das erste Zeichen dafür, dass endlich Platz für etwas Eigenes entstanden ist.

Und wenn Du irgendwann durch Deine Wohnung gehst und bei einem Möbelstück plötzlich denkst:

„Warum bist Du eigentlich noch hier?“

Dann hör ruhig einmal hin.

Vielleicht geht es gar nicht um das Möbelstück.

 

In der Leere beginnt die Inspiration

Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.

Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.

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