- und warum Veränderung manchmal dort beginnt, wo wir eigentlich gar nicht hinschauen wollten

Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen

 

Heute habe ich in meinem Garten aufgeräumt. Kein besonders spirituelles Vorhaben. Äste abgeschnitten. Vertrocknetes Zeug entfernt. Dinge angeschaut, um die ich mich schon eine ganze Weile drücken wollte.

Es ist erstaunlich, wie viel man in einem Garten ignorieren kann, wenn nur genügend Grün darüber wächst.

Und dann dachte ich an die Dürre und an das, was sie gerade überall zum Vorschein bringt.

 

Die Dürre ist eine gnadenlose Archäologin

In diesem Sommer tauchen Dinge auf, die teilweise jahrzehntelang unter Wasser, Erde oder Vegetation verborgen waren.

Alte Fahrzeuge.

Überreste aus dem Krieg.

Schiffe.

Dinge, von denen niemand mehr wusste - oder über die irgendwann niemand mehr gesprochen hat.

Besonders beschäftigt hat mich die Geschichte eines Motorrads aus dem Krieg, das mit den sterblichen Überresten zweier Soldaten auftauchte - und sofort hat mir mein Gehirn Geschichten erzählt...

Wer waren die Beiden? Wurden sie vermisst? Was ist damals geschehen? Gibt es vielleicht einen Enkel, der nun erfährt, was mit seinem Großvater passiert ist?

 

Was wir nicht bewältigen können, blenden wir aus - aber: es verschwindet nicht

Ich finde diesen Gedanken beklemmend. Und gleichzeitig unglaublich menschlich.

Denn natürlich kann nicht jede Generation alles aufarbeiten, was ihr passiert ist.

Manchmal ist etwas zu schmerzhaft.

Zu gefährlich.

Zu kompliziert.

Oder schlicht zu viel.

Also machen wir das, was Menschen ziemlich gut können:

Wir funktionieren.

Wir bauen weiter.

Wir leben weiter.

Wir pflanzen einen Baum darauf.

Wir stellen einen Schuppen daneben.

Wir erzählen den Kindern vielleicht, dass sie dort nicht graben sollen.

Und irgendwann wissen sie vielleicht gar nicht mehr genau, warum.

Aber unter der Erde - oder im Wasser versteckt - liegt es noch immer.

Ich glaube, mit unserem eigenen Leben machen wir es oft genauso.

Nicht unbedingt mit großen Katastrophen. Manchmal reicht schon etwas, das wir irgendwann nicht mehr fühlen wollten.

Eine Enttäuschung.

Eine Trennung.

Eine Entscheidung, die wir nicht getroffen haben.

Ein Traum, den wir aufgegeben haben.

Eine Version von uns selbst, die wir irgendwo unterwegs zurückgelassen haben.

Wir schütten nicht bewusst Erde darüber.

Wir leben einfach weiter.

Und das funktioniert erstaunlich lange.

 

Bis es trocken wird

Denn solange alles wächst, ist vieles unsichtbar. Solange der Garten üppig ist, sieht man nicht jeden vertrockneten Ast.

Solange der Teich voll Wasser ist, sieht man den Schmodder am Grund nicht. Solange das Leben funktioniert, stellen wir nicht unbedingt die Frage, warum es funktioniert.

Und dann kommt eine Dürre.

Das Wasser geht zurück.

Das Grün wird weniger.

Die Oberfläche verliert ihre Tarnung.

Und plötzlich liegt der Grund frei.

Nicht besonders hübsch.

Aber sichtbar.

Vielleicht ist genau das die unangenehme Seite von Veränderung, über die wir viel zu selten sprechen.

Wir wünschen uns Klarheit.

Aber wir wünschen uns bitte eine hübsche Klarheit.

Eine mit Sonnenuntergang.

Mit Erkenntnis.

Mit Musik im Hintergrund.

Nicht eine, bei der wir mit Gummistiefeln im Schlamm stehen und feststellen:

„Ach. Das liegt da also schon seit achtzig Jahren.“

 

Mein kleiner Teich hat mir heute etwas beigebracht

Ich habe in meinem Garten mehrere kleine Teiche, die durch die Trockenheit ziemlich traurig aussehen.

Das Wasser ist weg.

Der Boden ist sichtbar.

Nein eher: Schmodder.

Alte Ablagerungen.

Zeug, das sich über lange Zeit angesammelt hat.

 

Nach der Trauer um den schönen Garten kam mir beim Abschneiden vertrockneter Äste ein Gedanke:

Okay. Dann ist jetzt wohl der Zeitpunkt gekommen.

Die Dürre hat auch etwas Gutes. Klar, die Dürre ist anstrengend. Für die Natur, für die Tiere, für uns.

Aber sie hat mir etwas ermöglicht, das ich sonst wahrscheinlich noch eine Weile vor mir hergeschoben hätte:

Ich kann den Teich jetzt bis auf den Grund reinigen.

Schlamm raus.

Altes Zeug raus.

Und dann?

Frisches Wasser.

Und plötzlich wurde aus etwas, das zunächst wie Verlust aussah, eine Möglichkeit:

neu anzufangen.


Auch mein Garten hat sich verändert

Ich habe dieses Haus vor 16 Jahren gekauft. Damals war mein Sohn noch klein.

Ich war voller Energie.

Voller Ideen.

Voller Tatendrang.

Wir hatten Pläne.

Wir hatten Spaß.

Ich hatte Vorstellungen davon, wie dieses Haus und dieser Garten einmal aussehen würden.

Und heute?

Mein Sohn ist erwachsen.

Das Leben ist völlig anders gekommen, als ich es mir damals vorgestellt hatte.

Ich sitze hier allein - was übrigens nie der Plan war.

Und plötzlich steht da eine Frage, die sich nicht mehr wegdekorieren lässt:

Was mache ich eigentlich jetzt mit diesem Leben?

Bleibe ich hier?

Gehe ich?

Kann ich überhaupt hierbleiben?

Will ich hierbleiben?

Und wer bin ich eigentlich in diesem Haus?  Definitiv nicht mehr die Frau, die es vor 16 Jahren gekauft hat...

 

Vielleicht müssen manche Bäume gehen

Das tut weh.

Sehr sogar.

Denn manche Bäume in diesem Garten sind alt.

Und sie verändern sich.

Sie vertrocknen.

Sie verfaulen.

Manche werden vielleicht nicht überleben. Und natürlich könnte ich nur auf den Verlust schauen. Auf das, was nicht mehr so ist wie früher. Auf den Garten, den ich einmal hatte.

Aber heute beim Schneiden kam mir ein anderer Gedanke:

Was, wenn das nicht nur Verlust ist?

Was, wenn dort, wo etwas nicht mehr wachsen kann, wieder Licht entsteht?

Was, wenn durch das Zurückschneiden Platz entsteht?

Was, wenn andere Pflanzen unter den veränderten Bedingungen plötzlich eine Chance bekommen?

Nicht das alte Leben.

Nicht der alte Garten.

Nicht die alte Version von mir.

Etwas Neues.


Wir sind nicht dazu verpflichtet, in unsere alte Haut zurückzukehren

Letztes Jahr war das Jahr der Schlange. Wir haben uns energetisch gehäutet. Eine Schlange häutet sich nicht, weil ihre alte Haut hässlich geworden ist.

Sie häutet sich, weil sie nicht mehr hineinpasst.

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn vielleicht ist es gar kein Scheitern, wenn Dein altes Leben nicht mehr funktioniert.

Vielleicht bist Du einfach nicht mehr dieselbe Person.

Ich bin nicht mehr die Frau von vor 16 Jahren. Und Du wahrscheinlich auch nicht mehr der Mensch, der Du vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren warst.

Warum erwarten wir dann eigentlich von unseren Wohnungen, Beziehungen, Berufen und Lebensentwürfen, dass sie unverändert zu uns passen?


Vielleicht ist das der Moment, in dem wir bis auf den Grund schauen müssen

Die Sonnenfinsternis hat uns gezeigt, was sichtbar wird, wenn das Licht für einen Moment verschwindet.

Parallel kam die durch die Dürre ausgelöste Leere - oder war sie eh schon lange da?

Vielleicht kommt jetzt der nächste Schritt:

das Freilegen.

Denn irgendwann reicht es nicht mehr, die Leere auszuhalten. Irgendwann musst Du anfangen, hinzusehen.

Auf das, was dort tatsächlich liegt.

Auf den Schmodder.

Auf den alten Kram.

Auf die Dinge, die Du nicht mehr brauchst.

Auf die Dinge, die Du nie gebraucht hast.

Auf die Dinge, die Du nur behalten hast, weil Du nicht wusstest, wie Du sie loslassen solltest.

Und manchmal steht dieses Zeug nicht nur in Deinem Keller.

Es steht mitten in Deinem Wohnzimmer.


Deine Wohnung ist vielleicht voller Dinge, die nicht mehr zu Dir gehören

Der Sessel, den Du nur behalten hast, weil Deine Mutter ihn geliebt hat.

Das Bild, das Du gekauft hast, als Du noch jemand anderes sein wolltest.

Der Schrank, der seit Jahren zu groß für den Raum ist - aber irgendwie dazugehört.

Die Kisten im Keller.

Die Souvenirs.

Die Dinge für „irgendwann“.

Die Dinge für „falls“.

Die Dinge für „man weiß ja nie“.

Und natürlich sind es nur Gegenstände.

Aber frag sie doch mal:

"Warum bist Du eigentlich noch hier?"

Und plötzlich wird es interessant.

Denn manchmal lautet die Antwort:

Weil ich mich nicht trennen kann.

Oder:

Weil ich mich dann schuldig fühlen würde.

Oder:

Weil das einmal wichtig war.

Oder vielleicht sogar:

Weil ich Angst habe, dass dann wirklich etwas vorbei ist.

Und plötzlich reden wir nicht mehr über einen Schrank.


Das ist der unangenehme Teil vom Neubeginn

Neubeginn klingt wunderbar.

Solange man nicht vorher aufräumen muss.

😂

Wir lieben die Vorstellung von:

ein neues Kapitel beginnen.

Aber niemand spricht gerne über die Seite davor. Über die Dinge, die wir mitnehmen wollten.

Über die Dinge, die wir zurücklassen müssen. Über die Dinge, die wir endlich ausgraben müssen, bevor wir überhaupt wissen, was auf der nächsten Seite stehen soll.

Das ist der Grund, warum Veränderung manchmal so verdammt anstrengend ist.

Nicht weil das Neue so schwer ist. Sondern weil das Alte vorher noch im Weg liegt.


Und trotzdem kommt der nächste Schritt

Ich weiß nicht, wann diese Dürre vorbei sein wird. Vielleicht regnet es heute ein bisschen.

Vielleicht auch morgen. Aber ein paar Tropfen bedeuten noch lange nicht, dass der Boden wieder satt ist.

Und genauso ist es mit uns.

Ein guter Tag bedeutet nicht, dass alles gelöst ist. Eine Erkenntnis bedeutet nicht, dass das Leben sofort anders wird. Ein neuer Gedanke bedeutet nicht, dass Du schon weißt, wohin Du gehst.

Aber vielleicht musst Du das auch gar nicht wissen.

Vielleicht reicht es, den nächsten Ast abzuschneiden.

Den nächsten Karton zu öffnen.

Den nächsten Teich auszuräumen.

Eine Sache gehen zu lassen.

Einen freien Platz nicht sofort wieder zu füllen.

Und dann weiterzugehen.


Vertrauen sieht manchmal ziemlich unspektakulär aus

Wir reden gerne davon, dem Leben zu vertrauen.

Das klingt immer so schön. Fast ein bisschen nach Sonnenuntergang und Blumenwiese.

In Wirklichkeit sieht Vertrauen manchmal so aus:

Du stehst im vertrockneten Garten.

Du weißt nicht, ob der Baum es schafft.

Du weißt nicht, wann der Regen kommt.

Du weißt nicht, wie der Garten nächstes Jahr aussehen wird.

Du weißt nicht einmal genau, ob Du nächstes Jahr noch hier sein wirst.

Und trotzdem nimmst Du die Säge.

Und machst den nächsten Schnitt.

Nicht weil Du die Zukunft kennst.

Sondern weil Du weißt, was heute getan werden kann.

Vielleicht ist das Vertrauen.

Nicht zu wissen, wie die Geschichte ausgeht.

Aber sie trotzdem weiterzuschreiben.


✨ Hidden Treasure

Vielleicht ist die Dürre also nicht die Geschichte von dem, was uns genommen wird.

Vielleicht ist sie auch die Geschichte von dem, was wir endlich sehen können.

Die Dinge, die jahrzehntelang unter Wasser lagen:

Der Schmodder am Grund des Teichs.

Die vertrockneten Äste.

Die alten Gegenstände in unseren Wohnungen.

und ein Motorrad aus dem zweiten Weltkrieg und die Soldaten, die auf ihm saßen...

 

Nicht alles davon muss bleiben.

Nicht alles davon muss gerettet werden.

Manches darf einfach gehen.

Manches darf betrauert werden.

Manches darf endlich angeschaut werden.

Und manches darf Platz machen für etwas, das unter den Bedingungen von heute überhaupt erst wachsen kann.

Denn wahrscheinlich bist Du nicht mehr der Mensch, der Du einmal warst.

Gott sei Dank.

Vielleicht ist das Haus nicht mehr dasselbe.

Vielleicht ist der Garten nicht mehr derselbe.

Vielleicht wird Dein Leben nie wieder so aussehen wie damals.

Aber das bedeutet nicht, dass nichts mehr wachsen kann.

Vielleicht bedeutet es nur:

Jetzt müssen wir bis auf den Grund schauen.

Und wenn wir dort angekommen sind, entscheiden wir neu.

Nicht aus Angst.

Nicht aus Gewohnheit.

Nicht aus der Erinnerung daran, wie es einmal war.

Sondern von dem Boden aus, auf dem wir heute tatsächlich stehen.


Auf dem Boden der Tatsachen 

Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.

Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.

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