Muss ich erst leiden, damit Du mir hilfst?

Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen

 

Ich habe gerade etwas ziemlich Unbequemes über mich selbst gelernt.

Und es hat mit meiner aktuellen GoFundMe-Kampagne zu tun.

Ich möchte mit meinem Kunstwerk ZEYNEP nach Florenz. In den ART TUNNEL. Und zwar nicht irgendwo klein an der Wand, zwischen zwei anderen Bildern, wo man es mit etwas gutem Willen und einer Lesebrille noch erkennen kann.

Ich möchte es dort riesengroß erleben.

Und weil ich das gerade nicht komplett aus eigener Tasche finanzieren kann, bitte ich Menschen um Unterstützung.

Eigentlich ganz einfach.

Eigentlich.

Denn dann habe ich angefangen, mir die anderen Kampagnen auf GoFundMe anzusehen.

Und plötzlich wurde es kompliziert.

Da sind Menschen, deren Wohnung abgebrannt ist.

Menschen im Krankenhaus.

Kinder, die krank sind.

Menschen, die angegriffen wurden und deren Existenz gerade auf dem Spiel steht.

Und ich dachte:

„Ähm … und jetzt komme ich hier mit meinem Kunstprojekt?“

Andere kämpfen gerade darum, ihr Leben wieder zusammenzubekommen.

Und ich möchte mein Bild in Florenz riesengroß an einer Decke sehen.

Ist das nicht ziemlich unverschämt?


Ich habe mich fast dabei ertappt, mich für meinen Wunsch zu entschuldigen.

Nicht, weil ich glaube, dass Kunst wichtiger wäre als ein abgebranntes Zuhause.

Natürlich nicht.

Sondern weil mir plötzlich auffiel, wie selbstverständlich wir Unterstützung mit Not verbinden.

Wenn jemand dringend Hilfe braucht, verstehen wir sofort, warum wir helfen.

Da ist ein Problem.

Wir können etwas tun.

Also tun wir etwas.

Wir geben Geld.

Wir teilen den Aufruf.

Wir drücken die Daumen.

Wir fühlen mit.

Und wenn die Wohnung wieder bewohnbar ist, das Kind wieder gesund, die Rechnung bezahlt oder der Mensch wieder auf eigenen Beinen steht, dann sagen wir:

Gut. Geschafft.

Aber was ist mit jemandem, der nicht aus einem Loch herauswill?

Was ist mit jemandem, der irgendwo hinwill, wo er bisher noch nicht war?

Was ist mit einem Menschen, der sagt:

„Ich habe da eine Idee. Und ich glaube, die könnte richtig groß werden.“

Darf man dafür auch um Hilfe bitten?

Oder muss man erst ordentlich auf die Fresse fallen, bevor eine Spende gesellschaftlich als berechtigt gilt?


Muss ich erst leiden, damit Du mir hilfst?

Diese Frage ist für mich viel älter als GoFundMe.

Ich erinnere mich an einen Gedanken aus meiner Kindheit.

Nicht an eine konkrete Situation.

Eher an dieses merkwürdige innere Wissen:

Wenn es mir nur schlecht genug geht, wird mir irgendwann jemand helfen.

Das klingt heute ziemlich absurd.

Und gleichzeitig erschreckend logisch.

Denn als Kind kann man sich selbst nicht aus allen Situationen befreien.

Man ist abhängig.

Von Erwachsenen.

Von Eltern.

Von Menschen, die sehen, was los ist.

Und irgendwann kann sich daraus eine ziemlich fatale Gleichung entwickeln:

Hilfe gibt es, wenn es schlimm genug ist.

Also lernt man vielleicht:

Ich darf Hilfe brauchen.

Aber ich darf sie nicht einfach wollen.

Ich darf Unterstützung bekommen.

Aber nur, wenn ich sie wirklich dringend benötige.

Ich darf mich an jemanden anlehnen.

Aber bitte erst, wenn ich schon fast zusammenbreche.

Und irgendwann ist man erwachsen.

Hat gelernt, alles selbst zu machen.

Und sagt:

„Kein Problem. Ich schaffe das schon.“

Natürlich schafft man es.

Was soll man auch sonst machen?


Ich habe doch immer alles alleine geschafft.

Das ist einer dieser Sätze, die nach Stärke klingen.

Und manchmal sind sie das auch.

Aber manchmal steckt darin etwas ganz anderes.

Eine ziemlich gut getarnte Unfähigkeit, Hilfe anzunehmen.

Ich kenne das.

Wenn ich etwas möchte und das Geld dafür nicht da ist, war meine bisherige Lösung ziemlich unkompliziert:

Dann mache ich es eben nicht.

Nicht:

„Vielleicht gibt es Menschen, die das mit mir möglich machen möchten.“

Sondern:

„Dann muss ich eben warten, bis ich es alleine bezahlen kann.“

Klingt vernünftig.

Ist es vielleicht sogar.

Aber es hat einen kleinen Haken:

Es entscheidet schon vorher, was möglich ist.

Und zwar nicht nach dem Maßstab:

Wie groß ist die Idee?

Sondern:

Wie viel kann ich alleine tragen?

Das ist ein gewaltiger Unterschied.


Vielleicht ist „Ich schaffe das alleine“ manchmal gar keine Stärke.

Vielleicht ist es manchmal einfach eine sehr elegante Form von Kleinhalten.

Autsch.

Ich weiß.

Ich mag den Gedanken auch nicht besonders.

Aber je länger ich darüber nachdenke, desto weniger kann ich ihn ignorieren.

Denn wenn ich nur das tun darf, was ich alleine finanzieren, organisieren, tragen und kontrollieren kann, dann bleibt mein Leben zwangsläufig innerhalb meiner eigenen Möglichkeiten.

Und meine Möglichkeiten sind nun einmal begrenzt.

Wie die jedes anderen Menschen auch.

Das ist keine Charakterschwäche.

Das ist Mathematik.

Wenn einer allein ein Klavier eine Treppe hochtragen soll, kann er entweder sehr stark werden.

Oder er holt jemanden dazu.

Und möglicherweise ist die zweite Lösung die intelligentere.


Was wäre, wenn Hilfe nicht Reparatur bedeutet?

Vielleicht liegt genau hier unser Denkfehler.

Wir betrachten Unterstützung häufig als etwas, das einen Schaden behebt.

Jemand ist krank → wir helfen.

Jemand hat alles verloren → wir helfen.

Jemand ist in Not → wir helfen.

Aber Unterstützung kann auch etwas völlig anderes sein.

Sie kann eine Tür öffnen.

Einen Sprung ermöglichen.

Eine Idee beschleunigen.

Einem Menschen Zugang zu etwas geben, das er alleine vielleicht erst zehn Jahre später erreichen würde.

Und dann bekommt die Spende eine völlig andere Bedeutung.

Ich gebe nicht, weil Du gescheitert bist.

Ich gebe, weil ich glaube, dass Du etwas schaffen kannst.

Das ist keine Rettung.

Das ist Ermöglichung.

Und ich glaube, dafür braucht es einen anderen Typ Mensch.


Menschen, die nicht Deinen Absturz finanzieren wollen, sondern Deinen Aufstieg.

Vielleicht sind das Menschen, die selbst gerne etwas ausprobieren.

Menschen, die Ideen lieben.

Menschen, die wissen, wie schwer es ist, etwas aus dem Nichts aufzubauen.

Menschen, die nicht unbedingt fragen:

„Brauchst Du das wirklich?“

Sondern:

„Was könnte daraus werden?“

Das finde ich faszinierend.

Denn plötzlich wird aus einer Spende eine Form von Teilhabe.

Du gibst mir nicht nur Geld.

Du wirst ein winziges Stück Teil der Geschichte.

Du warst dabei.

Vielleicht sogar, bevor irgendjemand wusste, was daraus wird.

Und stell Dir vor, ZEYNEP hängt irgendwann tatsächlich riesengroß im ART TUNNEL in Florenz.

Und Du stehst dort.

Vielleicht mit einem Glas irgendwas Italienisches in der Hand.

Und schaust nach oben.

Und denkst:

„Verdammt. Ich habe dazu beigetragen, dass das hier passiert.“

Das ist doch eigentlich ziemlich großartig.


Oder?

Denn jetzt kommt die unangenehme Seite.

Was passiert eigentlich, wenn der Mensch, den Du unterstützt hast, danach wirklich erfolgreich wird?

Das ist eine Frage, die wir erstaunlich selten stellen.

Wir reden viel darüber, wie schön es ist, jemandem zu helfen.

Aber was passiert, wenn die Hilfe funktioniert?

Wenn aus dem kleinen Unternehmen ein großes wird?

Wenn aus der unbekannten Künstlerin plötzlich jemand wird, dessen Bilder auf einmal überall auftauchen?

Wenn aus dem Menschen, den Du unterstützt hast, jemand wird, der plötzlich viel erfolgreicher ist als Du selbst?

Freust Du Dich dann?

Oder denkst Du:

„Moment mal. Dafür habe ich jetzt aber nicht gespendet.“

😂

Ich glaube, beides gibt es.

Denn es ist eine Sache, jemandem zu helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

Es ist eine andere Sache, jemandem beim Wachsen zuzusehen.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen Helfen und Ermöglichen.


Denn Größe verändert Beziehungen.

Solange jemand Hilfe braucht, ist die Rollenverteilung klar.

Der eine gibt.

Der andere bekommt.

Aber wenn der andere plötzlich wächst, wird es komplizierter.

Dann kann aus:

„Ich habe Dir geholfen.“

irgendwann werden:

„Ich war dabei, als Du angefangen hast.“

Das fühlt sich völlig anders an.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum manche Menschen lieber helfen, wenn jemand klein bleibt.

Denn kleine Menschen bedrohen niemanden.

Erfolgreiche Menschen schon eher.


Und jetzt sind wir plötzlich bei der Wohnung.

Denn genau hier wird es für mich richtig interessant.

Ich beschäftige mich seit Jahren damit, wie sehr unsere Wohnung unsere innere Geschichte erzählt.

Und vielleicht erzählt sie auch diese:

Wie viel Raum erlaube ich mir eigentlich?

Nicht nur räumlich.

Sondern im Leben.

Wie viel darf ich wollen?

Wie viel darf ich besitzen?

Wie sichtbar darf ich sein?

Wie erfolgreich darf ich werden?

Wie viel Unterstützung darf ich annehmen?

Und vor allem:

Darf es mir gut gehen, ohne dass ich vorher einen guten Grund dafür liefern muss?

Manchmal sieht man diese Antworten erstaunlich deutlich in einer Wohnung.

Da steht der Esstisch seit zehn Jahren genau dort, obwohl er eigentlich viel zu groß für den Raum ist.

Da ist der schöne Sessel, auf dem niemand sitzt, weil er „zu schade“ ist.

Da ist das Gästezimmer, das seit fünf Jahren auf Gäste wartet, während der eigene Arbeitsplatz auf dem Küchentisch steht.

Da sind die guten Gläser.

Für irgendwann.

Die schöne Bettwäsche.

Für Besuch.

Das Lieblingsparfum.

Für besondere Tage.

Und irgendwo dazwischen sitzt der Mensch, der all diese Dinge besitzt und sich selbst trotzdem immer wieder sagt:

„Das brauche ich jetzt nicht.“

Vielleicht ist das dieselbe Geschichte.


Wir warten auf die Katastrophe, um uns das Leben zu erlauben.

Das ist vielleicht die bitterste Erkenntnis daran.

Wir erlauben uns manchmal erst dann Veränderungen, wenn die Veränderung unvermeidbar geworden ist.

Wenn die Beziehung vorbei ist.

Wenn der Job weg ist.

Wenn die Wohnung zu klein geworden ist.

Wenn der Körper nicht mehr mitmacht.

Wenn nichts mehr funktioniert.

Dann plötzlich:

„Jetzt muss ich etwas verändern.“

Aber warum eigentlich erst dann?

Warum brauchen wir immer einen Grund?

Warum darf ein Mensch nicht einfach sagen:

„Ich möchte etwas anderes.“

Ohne Krise.

Ohne Drama.

Ohne abgebrannte Wohnung.

Ohne Burnout.

Ohne Katastrophe.

Einfach, weil er Lust darauf hat.


Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung: etwas zu wollen.

Ich glaube, genau da beginnt gerade etwas bei mir.

Ich übe.

Nicht das Leiden.

Das Wollen.

Und noch viel mehr:

Das Annehmen.

Ich übe, Menschen die Möglichkeit zu geben, mich zu unterstützen.

Nicht, weil ich hilflos bin.

Nicht, weil ich nichts alleine kann.

Sondern weil ich etwas möchte, das ich alleine gerade nicht möglich machen kann.

Das ist ein Unterschied.

Und deshalb steht meine GoFundMe-Kampagne da.

Nicht als Hilferuf:

„Bitte rettet mich.“

Sondern als Einladung:

„Ich habe da etwas vor. Und wenn Du es genauso geil findest wie ich, kannst Du Teil davon werden.“

Vielleicht gibst Du 10 Euro.

Vielleicht 50.

Vielleicht gar nichts.

Alles völlig okay.

Aber vielleicht gibt es da draußen tatsächlich Menschen, die Lust darauf haben, nicht nur dabei zu helfen, dass jemand wieder aufsteht.

Sondern dabei zuzusehen, wie weit er laufen kann.


Und wenn ich danach erfolgreich werde?

Dann hoffe ich, dass Du Dich freust.

Nicht, weil Du mich gerettet hast.

Sondern weil Du sagen kannst:

„Ich war dabei.“

Vielleicht ist das eine der schönsten Formen von Unterstützung überhaupt.

Nicht:

„Ich habe Dich klein genug erlebt, um Dir helfen zu können.“

Sondern:

„Ich habe gesehen, was möglich war, bevor es alle anderen gesehen haben.“

Und vielleicht brauchen wir davon gerade ein bisschen mehr.

Menschen, die nicht nur Löcher stopfen.

Sondern Türen aufmachen.

Menschen, die nicht fragen:

„Warum brauchst Du das?“

Sondern:

„Was könnte passieren, wenn Du es bekommst?“


Vielleicht müssen wir nicht erst leiden, damit uns jemand hilft.

Vielleicht dürfen wir manchmal einfach sagen:

Ich will.

Ich will dieses Bild in Florenz sehen.

Ich will wissen, wie groß ZEYNEP werden kann.

Ich will ausprobieren, was passiert, wenn ich mich nicht auf das beschränke, was ich alleine schaffen kann.

Und ja.

Ich brauche dafür Hilfe.

Das zu sagen, fühlt sich für mich immer noch ein bisschen ungewohnt an.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt.

Vielleicht ist Erwachsenwerden manchmal nicht:

„Ich brauche niemanden.“

Vielleicht ist es:

„Ich weiß, was ich alleine kann. Und ich weiß inzwischen auch, wann ich jemanden brauche.“

Und vielleicht ist das gar keine Schwäche.

Vielleicht ist es Freiheit.


Wenn Du ZEYNEP in Florenz sehen möchtest

Ich habe meine Kampagne gestartet, um genau das möglich zu machen: mein Kunstwerk ZEYNEP im größtmöglichen Format im ART TUNNEL in Florenz zu präsentieren.

Wenn Du Lust hast, diese Geschichte ein kleines Stück mit anzuschieben, freue ich mich über Deine Unterstützung.

Und wenn Du nicht spenden möchtest oder kannst:

Teil den Gedanken.

Denn vielleicht ist die eigentliche Frage hinter dieser Kampagne gar nicht:

„Wer gibt mir Geld?“

Sondern:

 

„Was könnte in meinem Leben möglich werden, wenn ich aufhöre zu glauben, dass ich alles alleine schaffen muss?“

Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.

Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.

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