Wenn Dir Deine eigene Wohnung nach dem Urlaub plötzlich fremd vorkommt
Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen
Manchmal komme ich nach Hause und denke:
Wer wohnt hier eigentlich?
Keine Sorge. Ich habe keine neue Mitbewohnerin. Ich kenne die Frau, die hier wohnt, sogar ziemlich gut.
Trotzdem passiert nach einer längeren Reise immer wieder etwas Merkwürdiges: Meine eigene Wohnung fühlt sich plötzlich fremd an.
Nicht unangenehm.
Nicht falsch.
Einfach … fremd.
Und genau diesen Moment liebe ich inzwischen. Denn dann spiele ich ein kleines Spiel mit mir. Ich tue so, als wäre ich ein Außerirdischer.
Ich kenne die Bewohnerin dieses Hauses nicht. Ich weiß nichts über ihre Geschichte. Ich weiß nicht, wie alt sie ist, was sie arbeitet, wen sie liebt, wovor sie Angst hat oder wovon sie träumt.
Ich habe nur diese Wohnung.
Und jetzt soll ich herausfinden:
Was für ein Mensch wohnt hier?
Ein bisschen wie eine Tatort-Ermittlung. Nur ohne Leiche.
Ich gehe durch die Räume und schaue mich um. Nicht mit dem Blick: „Gefällt mir das?“
Den kenne ich schließlich schon. Sondern mit dem Blick eines Fremden.
Was fällt mir sofort auf?
Was scheint diesem Menschen wichtig zu sein?
Ist hier jemand, der gerne Menschen um sich hat?
Oder jemand, der lieber seine Ruhe hat?
Gibt es Orte, an denen man einfach sitzen und nichts tun kann?
Oder hat hier jedes Möbelstück irgendeine Funktion und wartet vermutlich schon darauf, dass die Bewohnerin endlich wieder etwas erledigt?
Ist die Wohnung offen für Besuch?
Oder müsste jemand, der spontan klingelt, ungefähr drei Tage vorher einen Termin bekommen?
Was wird ausgestellt?
Was wird versteckt?
Was wird benutzt?
Was steht herum?
Was ist offensichtlich geliebt?
Und was scheint nur noch da zu sein, weil niemand entschieden hat, dass es gehen darf?
Und plötzlich stehe ich mitten in einem Roman, dessen Hauptfigur noch nicht aufgetaucht ist.
Das Interessante daran: Ich kenne die Antworten bereits.
Und trotzdem kenne ich sie nicht mehr. Denn solange ich mitten in meinem Alltag stecke, sehe ich meine Wohnung meistens nicht - bewusst.
Ich benutze sie.
Ich gehe durch die Küche, weil ich Kaffee machen will.
Ich gehe ins Schlafzimmer, weil ich schlafen möchte.
Ich sitze auf dem Sofa, weil ich müde bin.
Ich sehe den Schrank nicht mehr.
Ich sehe nur, was ich aus dem Schrank brauche.
Ich sehe den Raum nicht mehr.
Ich sehe meine To-do-Liste darin.
Genau das passiert uns mit unserem Zuhause:
Wir gewöhnen uns an das, was uns umgibt.
Und Gewöhnung ist ein hervorragender Tarnanzug.
Das Dumme: Nach einer Reise funktioniert die Tarnung nicht mehr
Vielleicht kennst Du das. Du kommst nach zwei oder drei Wochen zurück und plötzlich siehst Du:
Ach.
Da liegt ja immer noch dieser Stapel Zeitungen.
Warum hängt dieses Bild eigentlich dort?
Warum benutze ich diesen Raum kaum?
Was macht der komische Stuhl da?
Warum ist mein Schlafzimmer eigentlich so dunkel?
Warum habe ich überhaupt so viele Dinge?
Und vor allem:
Warum fühlt sich das hier gerade nicht so an, wie ich dachte?
Das Verrückte ist: Die Wohnung hat sich nicht verändert.
Du hast Dich verändert.
Zumindest für einen Moment. Du warst woanders. Du hast andere Menschen getroffen. Andere Geräusche gehört. Andere Wege genommen. Vielleicht anders gegessen. Anders geschlafen.
Vielleicht mehr gelacht.
Vielleicht mehr allein sein können.
Vielleicht mehr unter Menschen gewesen.
Und jetzt kommst Du zurück und siehst Dein Zuhause plötzlich aus dieser neuen Perspektive.
Genau deshalb mache ich diesen kleinen Alien-Test.
Ich stelle mir vor:
Wenn ich mich selbst nicht kennen würde - was würde ich über mich vermuten?
Vielleicht würde ich denken:
Hier lebt jemand, der Ordnung braucht. Das stimmt. Sehr. Ich hinterlasse meine Wohnung vor einer Reise bewusst aufgeräumt. Nicht weil ich plötzlich zur Ordnungsfanatikerin mutiert bin.
Sondern weil ich genau weiß:
Wenn ich nach Hause komme, möchte ich nicht zuerst mit dem Leben kämpfen, das ich gerade verlassen habe.
Ich möchte die Tür aufmachen und denken:
Ah. Schön. Da bin ich wieder.
Auch das erzählt etwas über mich.
Aber jetzt wird es spannend.
Denn die entscheidende Frage ist nicht:
„Was erzählt meine Wohnung über mich?“
Sondern:
„Passt das, was sie erzählt, überhaupt noch zu mir?“
Vielleicht zeigt Deine Wohnung noch sehr genau, wer Du vor zehn Jahren warst. Vielleicht ist sie voller Dinge aus einer Lebensphase, die längst vorbei ist. Vielleicht hast Du Räume nach einem Menschen eingerichtet, der heute gar nicht mehr Teil Deines Lebens ist.
Vielleicht hast Du Dir ein perfektes Zuhause für eine Person gebaut, die Du einmal sein wolltest.
Und vielleicht bist Du inzwischen jemand ganz anderes.
Das muss nicht dramatisch sein.
Manchmal ist es nur ein kleiner Unterschied. Du hast früher gerne Gäste gehabt. Heute brauchst Du mehr Ruhe. Du hast früher viel gearbeitet. Heute möchtest Du endlich mehr leben. Du hast früher alles aufbewahrt. Heute möchtest Du leichter werden.
Du hast früher einen großen Esstisch gebraucht.
Heute würdest Du viel lieber irgendwo draußen sitzen und spontan mit Menschen zusammensitzen.
Die Wohnung ist dabei kein Orakel.
Sie sagt nicht:
„Du musst umziehen.“
Sie sagt auch nicht:
„Dieser Tisch ist der Grund für Deine Probleme.“
Das wäre Quatsch.
Ein Tisch ist zunächst einmal ein Tisch.
Aber die Geschichte, die wir mit ihm haben, ist interessant.
Warum steht er dort?
Warum bleibt er dort?
Warum hängen wir an ihm?
Warum verändern wir ihn nicht?
Warum sagen wir seit fünf Jahren:
„Irgendwann mache ich das anders“?
Genau dort beginnt das Lesen.
Nicht bei der Bedeutung eines Gegenstands.
Sondern bei der Beziehung zwischen Mensch und Raum.
Und vielleicht möchtest Du das selbst einmal ausprobieren.
Stell Dir vor, Du wärst gerade erst hier eingezogen. Du kennst die Bewohnerin oder den Bewohner nicht. Du weißt nichts über diese Person. Du hast nur die Wohnung.
Dann geh langsam durch Deine Räume.
Und frag Dich:
Was würde ich über diesen Menschen vermuten?
Nicht bewerten.
Nicht verbessern.
Nur beobachten.
Und wenn Du etwas bemerkst, das Dich überrascht, stell die nächste Frage:
„Warum glaube ich das eigentlich?“
Vielleicht kommst Du dabei ziemlich schnell zu einer Erkenntnis.
Vielleicht auch zu einer Frage.
Und manchmal ist eine gute Frage viel wertvoller als eine schnelle Antwort.
Vielleicht ist Deine Wohnung also gar nicht fremd geworden.
Vielleicht hast Du sie nur zum ersten Mal seit langer Zeit mit anderen Augen gesehen. Mit den Augen eines Menschen, der gerade von außen zurückkommt.
Und vielleicht lohnt es sich, diesen Blick ein bisschen länger zu behalten.
Denn wenn Du Deine Wohnung wie ein Fremder betrachten kannst, kannst Du plötzlich etwas entdecken, das im Alltag unsichtbar geworden ist:
Die Geschichte des Menschen, der hier lebt.
Und dann bleibt nur noch eine ziemlich interessante Frage:
Passt diese Geschichte eigentlich noch zu Dir?
Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.
Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.
→ WOHNUNGsREADING: Was Dein Zuhause wirklich über Dich erzählt
🗝️ Denn viele Antworten wohnen bereits bei Dir.



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