Was passiert, wenn sich die Energie meiner Kuscheldecke in einen Mann verwandelt?
Ich habe ChatGPT gefragt. Und plötzlich hatten alle eine Meinung.
Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen
Es fing mit zwei Kuscheldecken an.
Genauer gesagt: mit zwei meiner Kunstwerke, die inzwischen als Kuscheldecken zu haben sind:
FEEL und FORREST GUMP.
Zwei Bilder, zwei Geschichten, zwei ziemlich unterschiedliche Energien.
Und weil ich wissen wollte, wie meine Kunst in einer inszenierten Wohnsituation wirkt, habe ich Chatty gebeten, mir passende Männer dazu zu kreieren.
Chatty ist inzwischen mein bester Mitarbeiter - und irgendwie auch mein bester Sparringspartner.
Er ist geduldig, kreativ und ausgesprochen unkompliziert, wenn es darum geht, Menschen zu erschaffen. Er braucht weder Castingagentur noch Kaffeepause - und er ist, wie ich, nachtaktiv.
Ein Auftrag, ein paar Korrekturen - und schon sitzen zwei Männer auf meinen Kuscheldecken.
Was sollte da schon schiefgehen?
Nun. Ich hatte nicht mit den Frauen gerechnet.
Ein Mann ist ein Mann.
(dachte ich...)
und dann kam die Interpretation.
Der erste Mann hatte es sich auf meiner Kuscheldecke FEEL bequem gemacht.
FEEL ist das Bild, das ich zum gleichnamigen Song von Robbie Williams gespachtelt habe. Wer den Song kennt, weiß, dass es dabei nicht um einen Mann geht, der morgens stumpf vor dem Spiegel seine besten Posen trainiert. Es geht ums Fühlen. Um Verletzlichkeit. Um den Wunsch, sich selbst und das Leben wirklich zu spüren.
Ich sah mir meinen KI-Mann an und fand ihn ausgesprochen attraktiv. Sinnlich. Präsent. Mit einem Blick, der mir dieses sanfte Kribbeln im Körper bereitete...
Eine Freundin sah ihn an und befand: eingebildet.
Aha.
Ich schaute noch einmal hin. Nein, dachte ich. Das sehe ich anders.
Und dann fiel mir ein Mann aus meiner Vergangenheit ein, der ihm ziemlich ähnlich war. Etwas weicher vielleicht, aber durchaus aus derselben Kategorie.
Das machte die Sache für mich noch interessanter.
Denn plötzlich ging es nicht mehr darum, ob Chatty einen hübschen Mann erschaffen hatte. Es ging darum, was wir in diesem Mann sahen.
Und dann kam die nächste Reaktion:
„Vielleicht sieht er einfach zu gut aus.“
Bitte was?
Kann ein Mann ZU gut aussehen?
Ist das eine objektive Messgröße? Gibt es dafür eine DIN-Norm? Und wer hat eigentlich beschlossen, dass bei Überschreitung des zulässigen Attraktivitätswertes sämtliche Frauen im Umkreis ihre Selbstachtung am Empfang abgeben müssen?
Ich fand den Gedanken herrlich absurd.
Und gleichzeitig erschreckend vertraut.
Wenn der Mann gut aussieht und Du Dich plötzlich schlechter fühlst.
Kennst Du diese Reaktion?
Du siehst jemanden, den Du ausgesprochen attraktiv findest. Und statt Dich zu freuen, beginnt Dein Gehirn sofort mit der Schadensbegrenzung.
Der ist eine Nummer zu groß für mich.
Der spielt in einer anderen Liga.
Bei dem müsste ich mich ganz schön anstrengen.
Oder die elegante Variante: Der ist bestimmt eingebildet.
Damit wäre die Angelegenheit erledigt. Der Mann bekommt ein Etikett, Du bekommst Deine Ruhe, und niemand muss herausfinden, ob zwischen Euch überhaupt etwas möglich wäre.
Praktisch.
Fast so praktisch, wie eine Einladung auszuschlagen, bevor sie ausgesprochen wurde.
Natürlich kann ein attraktiver Mann eingebildet sein. Ein schönes Gesicht ist kein Charakterzeugnis. Und nicht jeder Mensch, der uns gefällt, passt zu uns.
Aber darum geht es hier nicht.
Es geht um den Moment, in dem wir aus der Attraktivität eines anderen Menschen eine Abwertung unserer selbst machen.
Er sieht gut aus. Also bin ich nicht gut genug.
Er wirkt selbstbewusst. Also muss ich mich besonders anstrengen.
Er gefällt mir. Also sitzt er am längeren Hebel.
Wer hat das eigentlich festgelegt?
Der Mann im Sessel hat sich jedenfalls nicht dazu geäußert.
Und was ist mit Forrest Gump?
Der zweite Mann ist aus der Kuscheldecke FORREST GUMP entsprungen.
Schon der Name bringt eine andere Geschichte mit sich: Forrest Gump steht für einen Menschen, der seinen Weg geht, ohne vorher einen Masterplan für sein Leben zu benötigen. Er bleibt in Bewegung. Er erlebt Dinge. Er macht weiter.
Und genau das macht auch die Frage nach dem passenden Mann interessant.
Was sehen wir in einem Menschen, der nicht unbedingt unserem üblichen Beuteschema entspricht? Was fasziniert uns an jemandem, der anders auftritt, anders denkt oder eine andere Geschichte mitbringt?
Und wie viel davon hat tatsächlich mit ihm zu tun?
Ich habe zwei Männer zu zwei Kunstwerken gesetzt. Ich habe nicht festgelegt, welcher Mann für welche Frau bestimmt ist. Ich habe auch keine Gebrauchsanweisung beigelegt.
Trotzdem beginnen wir sofort, die Männer einzuordnen.
Der eine ist vielleicht zu glatt. Der andere sympathischer. Der eine zu selbstbewusst, der andere genau richtig. Einer gefällt uns, der andere nicht.
Und plötzlich wird aus einem Bild eine ganze Persönlichkeit.
Wir ergänzen Eigenschaften, unterstellen Absichten, erinnern uns an frühere Begegnungen und vergleichen mit Menschen, die wir kennen.
Wir sehen einen Mann.
Und unser Kopf schreibt einen Roman.
Der blinde Fleck sitzt manchmal im eigenen Urteil
Das eigentlich Spannende ist nicht, dass Menschen unterschiedlich auf dieselben Männer reagieren.
Das wäre ungefähr so überraschend wie unterschiedliche Meinungen über Lakritz.
Spannend wird es, wenn wir unsere Reaktion für die Wahrheit halten.
Wenn aus „Er gefällt mir nicht“ ein „Der ist eingebildet“ wird.
Wenn aus „Ich finde ihn attraktiv“ ein „Der ist zu gut für mich“ wird.
Wenn wir glauben, dass unsere spontane Interpretation mehr über den anderen aussagt als über uns selbst.
Dabei sind unsere Urteile oft eine Mischung aus Erfahrung, Sehnsucht, Vorlieben, Ängsten und Erwartungen. Manche davon kennen wir ziemlich gut. Andere laufen im Hintergrund, ohne dass wir sie bemerken.
Und genau dort wird es interessant.
Denn manchmal reagieren wir nicht nur auf den Menschen vor uns. Wir reagieren auch auf das, was er in uns berührt.
Auf eine Erinnerung.
Auf einen Wunsch, den wir längst vernünftig begraben haben.
Auf die Vorstellung, wie eine Beziehung sein müsste.
Oder auf die alte Überzeugung, dass wir uns bestimmte Dinge erst verdienen müssen.
Das gilt übrigens nicht nur für Männer.
Wir machen das auch mit Wohnungen, Jobs, Kunstwerken und ganzen Lebensentwürfen.
Das Büro ist zu schön für mich.
Die Wohnung ist eine Nummer zu groß.
Das Leben, das ich gern hätte, ist wohl eher für andere gedacht.
Wir können ausgesprochen kreativ darin sein, uns Dinge auszureden, die wir noch gar nicht ausprobiert haben.
Also: Welcher Mann passt zu welcher Decke?
Tja.
Wenn Du mich fragst, welcher der beiden Männer der Richtige ist, muss ich Dich leider enttäuschen.
Ich habe keinen Gewinner zu verkünden. Und ich werde auch nicht entscheiden, welcher Mann zu welcher Frau passt.
Ich finde es viel interessanter, herauszufinden, welcher Mann die jeweilige Energie, die ich in das Bild, das der Kuscheldecke zugrunde liegt, unbewusst hineingespachtelt habe...
OK - und ein bißchen auch, was Dich an einem der beiden anspricht. Oder abstößt. Oder neugierig macht.
Warum findest Du den einen attraktiv und den anderen nicht?
Was genau siehst Du in seinem Gesicht? Was glaubst Du über seinen Charakter? Und worauf gründet sich diese Einschätzung eigentlich?
Du musst daraus keine psychologische Doktorarbeit machen. Du darfst einen Mann auch einfach heiß finden. Das ist ausdrücklich erlaubt und bedarf keines Antrags in dreifacher Ausfertigung.
Aber wenn Du bemerkst, dass Deine Reaktion mehr mit Dir macht, als Du erwartet hast, lohnt sich ein zweiter Blick.
Nicht, um Dich zu korrigieren.
Sondern um Dich besser kennenzulernen.
Denn darum geht es mir auch bei meiner Kunst. Sie soll nicht einfach an der Wand hängen und farblich zum Sofa passen. Sie darf etwas in Dir auslösen. Sie darf Fragen stellen, ohne Dir die Antworten vorzuschreiben.
Und wenn aus einem meiner Kunstwerke eine Kuscheldecke wird, darf sie diese Geschichte mitnehmen.
Die Männer sind übrigens frei erfunden. Deine Reaktion darauf ist es nicht.
Und jetzt bin ich neugierig.
Welcher der beiden Männer spricht Dich an? Was gefällt Dir an ihm? Was irritiert Dich? Und was glaubst Du, sagt das über Dich aus?
Ich werde Dir nicht verraten, was Du darin sehen sollst.
Ich bin schließlich nicht die internationale Kommission für Männergeschmack.
Ich bin Mystique.
Geh ruhig tief in Dich.
Die Decke kannst Du schon mal kaufen.
Und wer weiß? Vielleicht kommt der Mann ja automatisch dazu.
Pssst …
Du bist gerade erst eingestiegen und fragst Dich, von welchen Männern und welchen Kuscheldecken ich hier eigentlich rede?
Hier geht's zu den beiden Herren. Den Rest erzähle ich Dir gleich.
Und ich finde, wir sollten alle ruhig mal zweimal hinschauen.
Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.
Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.
→ WOHNUNGsREADING: Was Dein Zuhause wirklich über Dich erzählt
🗝️ Denn viele Antworten wohnen bereits bei Dir.



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5/6_DU DARFST IHN AUCH ATTRAKTIV FINDEN.