Warum ich jahrelang Potenzial mit Partnerschaft verwechselt habe

Von Regine Rauin | Wenn Räume Geschichten erzählen

 

Ich bin Innenarchitektin.

Das ist normalerweise eine ganz wunderbare Eigenschaft.

Ich kann einen Raum betreten, der aussieht, als hätte dort jemand mit verbundenen Augen einen Möbelkatalog explodieren lassen, und denke nicht: „Oh Gott.“

Ich denke:

„Interessant. Da geht was.“

Das ist beruflich ausgesprochen hilfreich.

Privat kann diese Fähigkeit allerdings zu gewissen Schwierigkeiten führen.

Zum Beispiel bei Männern.

Denn irgendwann musste ich feststellen, dass ich Menschen offenbar genauso betrachtet habe wie Häuser.

Ich sah jemanden und dachte nicht nur:

„Gefällt mir.“

Ich sah Potenzial.

Charakter.

Tiefe.

Abgründe.

Geschichten.

Verletzungen.

Talente.

Und natürlich die wunderbare Möglichkeit, all das miteinander zu einem ziemlich großartigen Gesamtwerk zu verbinden.

Mit anderen Worten:

Ich sah eine Baustelle.

Und fand sie spannend.

Sehr spannend.

Manchmal sogar ausgesprochen sexy.

Was wahrscheinlich bereits ein Hinweis darauf gewesen wäre, dass hier etwas nicht ganz stimmt.

Denn eine Baustelle ist faszinierend.

Man kann Mauern einreißen.

Grundrisse verändern.

Alte Strukturen freilegen.

Überraschungen entdecken.

Man weiß nie genau, was hinter der nächsten Wand auftaucht.

Das Problem beginnt allerdings irgendwann damit, dass man nicht auf einer Baustelle wohnen möchte.

Zumindest ich nicht.

Ich möchte mich abends nicht auf einen staubigen Betonboden setzen und denken:

„Na ja, momentan ist es noch etwas zugig, aber wir haben ja Potenzial.“

Ich möchte auch nicht drei Jahre später immer noch auf die Heizung warten.

Oder auf die emotionale Elektrik.

Oder auf das Badezimmer.

Oder darauf, dass jemand endlich herausfindet, wo eigentlich der Sicherungskasten ist.

Ich möchte nach Hause kommen und denken:

„Ah. Gemütlich.“

Das klingt banal.

Ist es aber nicht.

Denn plötzlich wurde mir klar, dass ich bei Männern etwas verwechselt hatte:

Ich hatte Potenzial mit Partnerschaft verwechselt.

 

Ich fand Menschen interessant, die etwas zu entdecken hatten.

Das kann eine wunderbare Eigenschaft sein.

Ich liebe Menschen mit Ecken.

Menschen, die etwas erlebt haben.

Menschen mit Geschichten.

Menschen, die nicht geschniegelt durch ihr Leben laufen und bei denen man bereits nach drei Minuten weiß, welches Lieblingsrestaurant sie haben und wie ihr nächster Urlaub aussehen wird.

Aber irgendwann gibt es einen entscheidenden Unterschied:

Ein Mensch darf Tiefe haben, ohne eine Baustelle zu sein.

Er darf kompliziert sein.

Er darf Macken haben.

Er darf eine Vergangenheit haben.

Er darf seine eigenen Schatten kennen.

Aber er sollte nicht darauf angewiesen sein, dass eine Partnerin ihn endlich fertigstellt.

Und genau das hatte ich lange nicht verstanden.

Ich dachte, meine Fähigkeit, Dinge zu sehen, die andere übersehen, sei automatisch eine gute Grundlage für eine Beziehung.

Ist sie nicht.

Sie ist eine großartige Grundlage für ein WohnungsReading.

Bei einem Mann brauche ich sie nicht unbedingt.

Denn ich möchte keinen Menschen, dessen Vision ich irgendwann verwirklichen kann.

Ich möchte ein Gegenüber.

Jemanden, der selbst weiß, wer er ist.

Der seine eigene Meinung hat.

Seine eigenen Freunde.

Seine eigenen Interessen.

Seine eigene Geschichte.

Und idealerweise auch eine funktionierende Heizung.


Vielleicht ist das eine der unterschätztesten Fragen beim Dating:

Will ich diesen Menschen - oder fasziniert mich die Aufgabe, die er darstellt?

Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Der erste Satz lautet:

„Ich möchte mit dir leben.“

Der zweite:

„Ich bin neugierig, was aus dir werden könnte.“

Und wenn man das einmal auseinanderhält, verändert sich erstaunlich viel.

Denn plötzlich ist „Potenzial“ kein Qualitätsmerkmal mehr.

Es ist lediglich eine Möglichkeit.

Und Möglichkeiten sind schön.

Aber man kann nicht auf ihnen sitzen.

Man kann auch keine Beziehung mit ihnen führen.

Man kann mit einem Menschen nur das Leben führen, das jetzt tatsächlich vorhanden ist.

Nicht das, was nach drei Jahren emotionaler Renovierung vielleicht daraus geworden sein könnte.

 

Heute würde ich deshalb bei einem Mann nicht mehr zuerst fragen:

„Was könnte aus ihm werden?“

Sondern:

„Wie fühlt sich mein Leben an, wenn er darin vorkommt?“

Kann ich mich neben ihm entspannen?

Kann ich mit ihm lachen?

Kann ich anderer Meinung sein?

Kann ich mich anlehnen?

Kann ich mich auf ihn verlassen?

Hat er Platz für mich?

Und ganz wichtig:

Hat er selbst Platz in seinem eigenen Leben?

Denn ich möchte keinen Menschen retten.

Ich möchte auch niemanden optimieren.

Ich möchte mit jemandem leben, der bereits ein Zuhause in sich selbst hat.

Und vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einer spannenden Baustelle und einem Zuhause:

Bei der Baustelle fragst Du Dich ständig:

„Was könnte hier einmal entstehen?“

Bei einem Zuhause denkst Du:

 

 

„Hier kann ich bleiben.“

Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.

Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten lesen.

→ WOHNUNGsREADING: Was Dein Zuhause wirklich über Dich erzählt

🗝️ Denn viele Antworten wohnen bereits bei Dir.

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