Verliert WACKEN seine Seele?
Von Regine Rauin | Wohnpsychologie + Innenarchitektur
Manchmal genügt ein einziger Satz, um einen ganzen Ort plötzlich mit anderen Augen zu sehen.
Bei mir war es dieser: „Welches Dorf?“
Ich musste ihn zweimal hören. Nicht weil ich ihn akustisch nicht verstanden hätte. Sondern weil ich nicht glauben konnte, dass jemand ernsthaft fragen konnte, welches Dorf ich meinte.
Aber vielleicht sollte ich von vorne anfangen.
Also ich war gestern Abend bei Alice Cooper - und es war GENIAL.
Alice Cooper gehört schließlich zu den Menschen, die es schaffen, gleichzeitig Albträume und gute Laune zu verbreiten. Das muss man erst einmal hinbekommen.
Das Konzert war großartig. Das Amphitheater direkt am Kanal hatte diese ganz besondere Stimmung, die entsteht, wenn tausende Menschen dieselbe Musik lieben und für ein paar Stunden völlig vergessen, dass ihre Jugend schon einige Jahrzehnte zurückliegt.
Nach dem Konzert genoß ich noch kurz den Ausblick auf den Kanal. Da sprach mich jemand an. So wie man das halt tut nach Rockkonzerten...
Man nickt sich zu. Man kommt ins Gespräch. Und ehe man sich versieht, sitzt man noch zusammen auf ein Bier.
Oder zumindest auf ein Gespräch.
Manchmal beginnt alles mit einem einzigen Satz
Es stellte sich heraus, dass wir erstaunlich viele Gemeinsamkeiten hatten.
WACKEN.
Wohnmobil.
In seinem Fall sogar ein Allradfahrzeug - schließlich weiß man in WACKEN nie so genau, ob man ein Festival besucht oder an der Rallye Dakar teilnimmt.
Boote.
Musik.
Diese wunderbare Sorte Menschen, mit denen sich ein Gespräch ganz von selbst entwickelt.
Irgendwann sagte er fast beiläufig:
„Dieses Jahr gibt's Bud.“
Ich schaute ihn an.
„Bud?“
„Budweiser.“
Und plötzlich ging es überhaupt nicht mehr um Bier... "WHAT?"
Als aus einem Bier plötzlich eine Erinnerung wurde
Heute Morgen musste ich an einen jungen Metalhead denken, den ich vor einigen Jahren auf Wacken gefragt hatte:
„Warst Du eigentlich schon im Dorf?“
Er schaute mich völlig irritiert an.
„Welches Dorf?“
Ich musste lachen.
Nicht über ihn.
Über mich.
Denn in diesem Moment wurde mir klar, dass wir offenbar auf demselben Festival gewesen waren - und trotzdem zwei völlig unterschiedliche Orte erlebt hatten.
Für mich gehörte das Dorf immer zu Wacken.
Nicht als nette Zugabe.
Nicht als Geheimtipp.
Sondern als Herz.
Ich erinnere mich an die kleinen Stände.
An Menschen, die ihr eigenes Bier ausschenkten.
An selbstgemachte Marmeladen.
An Gartenzäune, über die man plötzlich mit völlig Fremden ins Gespräch kam - weil ich nicht wusste, wie ich das Spezial-Bewässerungsset aus einer Gieskanne und einem Gartenschlauch zu meiner Abkühlung benutzen sollte😉
An das Gefühl, nicht Gast auf einem Event zu sein, sondern eingeladen in ein Dorf, das für ein paar Tage jedes Jahr seine Türen öffnete.
Das Herz von Wacken lag nie nur auf dem Festivalgelände
Und dann begann sich etwas zu verändern.
Nicht laut.
Nicht dramatisch.
Ganz leise.
Der Festival - Eingang wurde verlegt.
Der Weg ins Dorf wurde länger.
Viele Besucher liefen gar nicht mehr dort vorbei.
Die kleinen Begegnungen wurden seltener.
Die Stände mussten früher schließen.
Ich erinnere mich noch gut an den Abend, als mein Festivalbändchen beschlossen hatte, mein aufgeladenes Guthaben einfach für sich zu behalten. Aus Bier wurde Wasser. Aus guter Laune wurde... nun ja: DURST
Also freute ich mich nach dem Konzert auf die Stände im Dorf.
Ein kühles Bier.
Ein paar Gespräche.
Ein bisschen Wacken.
Stattdessen waren die Rollläden längst unten.
Nicht weil die Betreiber keinen Bock mehr hatten - oder müde waren...
Sondern weil sie mussten.
Damals war ich einfach enttäuscht - Hand aufs Herz: ich war ENTSETZT!
Heute bin ich mir sicher, dass ich damals etwas viel Erschreckenderes beobachtet habe.
Ein Ort - und sein Festival - verliert seine Seele gar nicht mit einer einzigen Entscheidung.
Sondern Entscheidung für Entscheidung - man nennt das SALAMI-Technik: man nimmt Dir die Butter vom Brot und Du merkst es gar nicht...
Die Seele verschwindet selten auf einmal
Und plötzlich erinnerte ich mich an das Gespräch von gestern Abend.
Bud.
Ein amerikanischer Sponsor.
Eine andere Biermarke eine nicht mehr deutsche Biermarke! Hallo?!? Wir sind die Weltmeister im Bierbrauen. Das Festival findet in Deutschland statt. Was drinken METAL-HEADS vorwiegend...?
Ganz ehrlich?
Es geht mir überhaupt nicht darum, ob Bud schmeckt oder nicht.
Es geht mir auch nicht um Krombacher.
Es geht um etwas ganz anderes.
Plötzlich wurde mir klar, warum mich dieses Thema so beschäftigt.
Es ging nie um das Bier
Weil ich genau dieselbe Entwicklung ständig in Wohnungen beobachte.
Ja.
Und genau hier treffen sich Wacken und Wohnpsychologie...
Was Wohnungen und Festivals gemeinsam haben
Als WohnungsReaderin betrete ich immer wieder Wohnungen, deren Bewohner sagen:
„Irgendetwas stimmt hier nicht mehr.“
Die meisten suchen den Grund in einer falschen Wandfarbe.
In einem Sofa.
In einer Lampe.
In einem Teppich.
Aber fast nie liegt es daran.
Eine Wohnung verliert ihre Seele nicht plötzlich.
Sie verliert zuerst ihre Geschichten.
Ein Lieblingssessel verschwindet.
Ein Bild wird ausgetauscht.
Der alte Küchentisch muss einem moderneren weichen.
Das Regal mit den Büchern wird durch ein Regal mit Deko ersetzt.
Jede Entscheidung für sich ergibt Sinn.
Zusammen entsteht plötzlich ein Raum, der zwar schöner aussieht...
...aber sich nicht mehr wie Zuhause anfühlt.
Geschichten sind die eigentliche Einrichtung
Und genau in diesem Moment wurde mir klar:
Vielleicht passiert mit Orten genau dasselbe.
Nicht nur mit Wohnungen.
Mit Hotels.
Mit Cafés.
Mit kleinen Buchhandlungen.
Mit Städten.
Mit Festivals.
Sie verlieren ihre Seele nicht an einem einzigen Tag.
Sie verlieren sie Geschichte für Geschichte.
Begegnung für Begegnung.
Bis irgendwann jemand auf die Frage:
„Warst Du schon im Dorf?“
antwortet:
„Welches Dorf?“
Und plötzlich merkt man, dass nicht nur ein Eingang verlegt wurde.
Sondern eine Erinnerung.
Orte verlieren ihre Seele Geschichte für Geschichte
Vielleicht ist genau das der Grund, warum ich WohnungsReadings so liebe.
Ich lese keine Möbel.
Ich lese keine Grundrisse.
Ich lese die Geschichten, die Menschen unbewusst in ihren Räumen hinterlassen.
Und manchmal besteht meine Aufgabe einfach darin, sie wieder hörbar zu machen.
Denn Räume flüstern.
Man muss nur lernen, ihnen zuzuhören.
Vielleicht gilt das auch für Orte wie Wacken.
Vielleicht erzählen sie uns längst, was sie brauchen.
Die Frage ist nur, ob wir noch hinhören.
Dieser Artikel ist ein Liebesbrief an Wacken
Und bevor jetzt jemand denkt, ich wolle Wacken schlechtreden:
Nein.
Ganz im Gegenteil.
Ich schreibe diesen Artikel, weil ich Wacken liebe.
Weil ich die Menschen liebe.
Weil ich das Gefühl liebe, dort jedes Jahr alte Freunde wiederzutreffen, obwohl ich viele ihrer Namen gar nicht kenne.
Weil ich liebe, dass Heavy Metal eine Gemeinschaft erschaffen hat, in der man sich auf einer Brücke trifft und eine Stunde später über Boote, Wohnmobile und das Leben philosophiert.
Und vielleicht gerade deshalb wünsche ich mir, dass WACKEN niemals vergisst, was es so einzigartig gemacht hat.
Nicht die Größe.
Nicht die Sponsoren.
Nicht die Bühnentechnik.
Sondern die Menschen.
Denn die Seele eines Ortes besteht nicht aus dem, was man sieht.
Sondern aus dem, was man vermissen würde, wenn es plötzlich fehlt.
Vielleicht ist mein WackenGuide längst eine Zeitkapsel
Während ich diesen Artikel schreibe, steht mein WackenGuide for Beginners neben mir auf dem Regal - und ich merke, wie traurig ich werde.
Zum ersten Mal frage ich mich, ob ich da gerade gar keinen Festivalguide sehe, sondern eine Zeitkapsel.
Ein Buch über einen Ort, wie er sich einmal angefühlt hat.
Ich hoffe von Herzen, dass es nie zu einem Märchenbuch à la "es war einmal" wird.
🗝️ Let's Create Magic - instead.
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Über die Autorin
Ich bin Regine Rauin alias Mystic Maveress.
Ich lese Räume wie andere Menschen Tarotkarten. Und immer mal wieder schreibe ich ein Buch.
→ Mehr über das WOHNUNGsREADING
Denn manche Antworten wohnen bereits bei Dir. 🗝️



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